Rügen und Usedom

Es geht nach Rügen! Von unserem letzten Stop in Warnemünde sind es 85 Kilometer Autobahn gen Osten, dann nochmal 35 Kilometer Landstraße nach Stralsund. Alles Orte, von denen ich bis dato nicht wusste, wo genau sie liegen. Das ist die Krux: ich bin in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen und zur Schule gegangen. Habe sogar Mitte der Achtziger eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau absolviert, daher sind meine Erdkunde Kenntnisse eigentlich ausgezeichnet. Eigentlich! Denn ich habe nur alles im Westen gelernt, und nichts hinter dem eisernen Vorhang. Alles im Osten war touristisch für West-Deutsche nicht interessant, entsprechend ist Ostdeutschland und alles dahinter für mich eine Blindkarte. Im Grunde peinlich, 33 Jahre nach dem Mauerfall….. aber daher machen wir ja die Tour auf den Spuren der Geschichte durch Osteuropa.

Nun also Rügen. Lieblingsinsel der Ostdeutschen? Das Sylt der Ostsee? Oder eher der Ballermann? Wir sind gespannt.

Von Stralsund – ja, kenne ich jetzt – geht es über eine beeindruckende Brücke auf die Insel. Es ist mittlerweile schon wieder 17 Uhr.

Wir waren heute morgen noch in Wismar, dann ein Ölwechsel in einer Werkstatt im nirgendwo (weil es regnete und wir eh nix anderes machen konnten). Heiligendamm haben wir links liegen gelassen, und sind rechts nach Warnemünde eingebogen. Jetzt kommt Rügen, und die Sonne scheint wieder. Heidewitzka! Ramba Zamba. Wir wollen direkt zum Stellplatz und ein Bierchen aufmachen. Wie schnell die Tage auf unserer Tour vergehen, ist unglaublich.

Die erste Nacht stehen wir auf einem Bauernhof in der Nähe von Garz. Wir fahren durch die ‚deutsche Alleenstraße‘, rechts und links Getreidefelder soweit das Auge reicht. Strahlend blauer Himmel, Schäfchenwolken, eine leicht frische Brise. Wir stehen auf einem Rasenstreifen direkt am Weizenfeld, neben einer Pferdekoppel und einem Hühner/ Hasenstall. RockY ist verwirrt, unser spanischer Wasserhund kennt weder Pferde noch Hasen. Ruck Zuck sind Tische, Stühle und Weingläser ausgepackt, und wir genießen das Camperleben. Tatsächlich hat sich eine entspannte Routine in unserem Wohnmobil-Leben eingespielt, jeder hat seine Aufgaben und es funktioniert hervorragend. Meistens. Morgen wird es Krach geben, davon später.

Frische Landluft, wir schlafen herrlich und frühstücken entspannt am nächsten Morgen, bevor wir zu den berühmten ‚Rügener Kreidefelsen‘ aufbrechen. Am besten sieht man diese auf einer Bootstour vom Wasser aus, das machen wir nicht, sondern spazieren bei Lohme durch den Nationalpark Jasmund. Herrlicher Wald! Wir wussten gar nicht, das es auf Rügen soviel Wald gibt. Im Vergleich dazu ist Sylt komplett kahl, Wald-frei.

Jetzt wollen wir es genauer wissen, und fragen Google. „Mit einer Fläche von 926 Quadratkilometern ist Rügen fast zehnmal so groß wie Sylt! 15 410 Hektar Wald machen Rügen zur „grünen Insel“.

Aha! Das wussten wir nicht. Sylt ist ja auch eher länglich, Rügen eher rund. Die Natur auf Rügen begeistert uns. Die einzige Gemeinsamkeit, die wir mit der berühmten Nordsee Insel sehen, ist die frische Luft. Seeluft im Norden ist unschlagbar.

Übrigens sprechen wir auf dem Bauernhof mit einem Mitarbeiter des Betriebes: angebaut werden Gerste, Weizen, Sonnenblumen, und Mais. Die Schweinezucht rechnet sich nicht, pro Schwein macht der Hof 20Euro minus, bekommt aber pro Schwein einige Quadratmeter Land zusätzlich, das wiederum für Getreideanbau genutzt wird. Somit rechnet es sich ‚hinten herum‘. Das Bauern Leben besteht im Sommer aus 16Stunden Tagen, um Winter gibt es keine Arbeit. Also werden erst die Überstunden abgebummelt, und die verbleibenden Tage/Monate geht’s zum Arbeitsamt. Macht das alles Sinn?? 2 Fragezeichen dahinter.

Nach Bauernhof und der Wanderung im Nationalpark zieht es uns ans Meer. Wir fahren nach Glowe. Mit Hafen, Strandpromenade und Hundestrand genau das was wir wollen. RockY kann sich austoben, wir bekommen unseren all-mittäglichen Fischbrötchen & Bier Snack und alle sind glücklich. Fast. René knödelt ein wenig, denn es ist windig. Sehr windig. Somit verbringen wir den Abend drinnen und spielen Rummicub.

Sonntag morgen ist es bewölkt, kühl und der Wind pfeift uns immer noch ums Wohnmobil. René macht die Heizung an. Ich schnappe mir meine Windjacke, Rocky und suche eine Bäckerei. Unwissentlich finde ich eine alt-eingesessene Bäckerei , die ohne Backmischungen arbeitet, bei der die Brötchen noch nach Brötchen schmecken, und auch am nächsten Tag noch knackig sind. Bäckerei Arndt war wohl schon zu DDR Zeiten eine Institution, wie wir am Abend erfahren sollen, als wir mit Camping Nachbarn in Swinemünde plaudern. Ohne Übertreibung das leckerste Brötchen seit Jahren.

Unsere Tour geht weiter. Wir verlassen Rügen, und steuern Richtung Usedom. Heringsdorf heißt unser Ziel, ich hatte von dem Ort mal gehört. Um nicht wider über Stralsund kurven zu müssen, nehmen wir die Fahrt von Glewitz nach Stahlbrode – die weiße Flotte klingt toll, oder?!

Bye bye Rügen, die hast uns sehr gut gefallen. Bezaubernde Landschaften, nette Menschen, und gut bürgerliche Küche! Jawohl! Die Restaurants und Hotels heißen endlich wie wir es erwartet hatten: Kastanienhof. Zum wilden Schwan. Fischerhus. Und in Lohme gibt es das Gasthaus ‚Daheim‘. Ist das nicht schön, mir geht das Herz auf. Rügen ist rustikaler, als Sylt. Bodenständiger. Weder Nobel, noch Ballermann. Familiär. Das hat es für uns unglaublich charmant gemacht, und wir können es aus vollem Herzen weiterempfehlen.

Nun aber Usedom

Wikipedia sagt: Usedom (polnisch Uznam, wendisch Uznjöm/Uznjom) ist eine in der Pommerschen Bucht der südlichen Ostsee gelegene Insel, die größtenteils zu Deutschland und zu einem kleinen Teil zu Polen gehört. Durch den Peenestrom und das Stettiner Haff ist sie vom Festland getrennt und durch die Świna (Swine) von der Nachbarinsel Wolin. Nach Rügen ist Usedom die zweitgrößte deutsche Insel. Bis 1945 gehörte sie zur preußischen Provinz Pommern.

Auf dem Weg nach Heringsdorf sind wir enttäuscht: die Straße führt mitten über die Insel, man sieht kein Meer, keinen Strand, keine Promenade. Nüschd. Nur Bäume. Und Karls Erlebnisdorf, wo man in und durch eine riesen Erdbeere fahren kann (ich mag ja sowas). Nach 30 Kilometern sind wir in Heringsdorf. Hmmmm. Wir parken erstmal und suchen unser Mittagsmahl: Fischbrötchen. Eine eher sterile Promenade, und ein fast leeres Riesenrad zieht etwas traurig seine Kreise in den Himmel. Akkurat restaurierte Gebäude, da sitzt jeder Farbstrich. Irgendwie erinnert mich der Ort an die Truman Show. Alles akkurat, aber kein Charme. Wir ziehen eine Flunsch, während wir ins Fischbrötchen beißen. Was tun?

Noch bevor der Rollmops verspeist ist, haben wir uns entschieden: wir fahren weiter, zum polnischen Teil von Usedom. Über die Grenze nach Swinemünde sind es genau 7 Kilometer. Also los. Das passieren der Grenze bemerken wir lediglich an den Schildern. Sofort nach der Grenze wirbt jeder zweite Shop für billige Zigaretten (Stange West 41 Euro), und der Diesel Benzinpreis liegt umgerechnet bei 1,61 Euro. Warum ist alles billiger als in Deutschland? Richtig, der Steuern wegen. Die polnische Regierung schlägt weniger Steuern und Abgaben auf Tabakwaren und Öl.

In Swinemünde steuern viel zielstrebig einen Stellplatz am Hafen an. Auf einem großen Arsenal mit Rasen und Bäumen stehen die Wohnmobile Seite an Seite mit den Booten, die im Hafen liegen. Das ist cool, ist ja schließlich die Art des Reisens gleich. Lediglich der Untergrund ist einmal Wasser, einmal Land. Freiheit und Abenteuer sind gleich. Auf der anderen Seite passierten riesige Fährschiffe den Kanal, sieht cool aus wie diese an unserem kleinen Wohnmobil vorbeiziehen.

Wir erkunden den Ort, an der Promenade reihen sich unzählige Restaurants aneinander. Zur ‚Happy Hour‘ bis 17 Uhr genießen wir 2 Schnitzel (ja, das musste sein) und vier Bier für 25 Euro. Da kann man nicht meckern.

Swinemünde brummt. Viele junge Leute, Familien, Urlauber. Herrlicher weißer breiter Sandstrand, am direkten Zugang zum Strand ein 7stöckiger Hotel Klotz. Na ja. Wir sehen keine einzige Maske, und niemand trägt ein Kopftuch. Interessant.

Rügen hatte uns super gut gefallen. Auf Usedom bevorzugen wir den polnischen Teil um Swinemünde.

Wir fragen mal unsere Freundin Ingrid. Sie sagt: ‚Heringsdorf im deutschen Teil, sowie Binz auf Rügen, waren früher die Sommerresidenzen ‚der sozialistischen Landsleute‘. Ingrid ist unsere andalusischen Nachbarin und Freundin, sie ist aus dem Osten, und für mich eine wunderbare Quelle für alle DDR Fragen. Wenn Ingrid erzählt ist es für mich ‚gelebte Deutsche Geschichte‘. Wobei sie freiwillig nicht viel erzählt, man muss es ihr eher aus der Nase ziehen.

Leider hat mein Interesse an deutscher Geschichte erst spät begonnen, so das viele Zeitzeugen wie Oma, Eltern und Bekannte bereits verstorben sind. Meine Familie stammt ursprünglich aus Cottbus, und ist nach dem 2. Weltkrieg über Umwege nach Frankfurt am Main gekommen, wo ich geboren bin. Als Kind und Teenager bereisten meine Eltern mit mir einige wenige Male die DDR, um Verwandte zu besuchen. Für mich waren es immer bizarre Tage, alles war grau, es roch streng (nach Kohle, wie ich heute weiß) und es gab immer Eiersalat (ich mochte noch nie Eier). Über die Jahre verblassten die verwandtschaftlichen Kontakte, um mit dem Tot der Großeltern im wahrsten Sinne des Wortes gänzlich zu sterben. Die DDR und alles was damit zusammen hing, verlor ich aus den Augen. Die Mauer fiel 1989, plötzlich standen Verwandte vor unserer Haustür in Frankfurt, um aber auch gleich wieder zu verschwinden. Heute, Jahrzehnte später, gibt es null Kontakte, was ich aus heutiger Sicht bedauere.

In Cottbus hatten wir eine große Familie, in Frankfurt waren wir nur zu siebt. Übrig geblieben sind nur mein Cousin Andreas und ich. Ist doch traurig, oder? Damit hat der zweite Weltkrieg noch Jahrzehnte später Auswirkungen.

Aber zurück zu unsere Tour! Und ach ja, warum wir uns in der Wolle hatten. Schuld ist das deutsche Pfandflaschen System. Seit Tagen blockieren leere Flaschen Renes Garage (also den Stauraum im Heck des Wohnmobils). Er ist sauer, weil er so keine Ordnung in die Garage bekommt. Ich bin sauer weil die Garage aussieht wie Sau. In Polen werden wir die Flaschen aber nicht los. Schuld ist also der deutsche Staat! Wir suchen nach einer Lösung. Habt ihr Ideen, dann sendet sie uns.

Wir reisen weiter in Polen, nach Kolberg, und erleben den größten Reinfall unserer Tour. Wir sind entsetzt. Warum? Davon berichte ich im nächsten Artikel in einigen Tagen. Rock‘n‘Road.

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Ein Gedanke zu „Rügen und Usedom

  1. liebe Sabine, deine Berichte könnte ich Stundenlang lesen,….(sie sind so interessant)
    Danke dir von❤️ Und eine gute🍀 und gesunde Weiterfahrt🙋‍♀️😻

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